Nach dem ADAC-Skandal: Was sind Gütesiegel wirklich wert?

  11. Februar 2014
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Nachdem die Manipulationen des ADAC bei der Wahl des beliebtesten Autos aufgeflogen sind, stellen sich dem Verbraucher nun berechtigterweise drängende Fragen: Was ist ein Siegel überhaupt wert? Wie verlässlich ist ein Güteprädikat? Wenn selbst große und als seriös geltende Instanzen wie der ADAC nicht vertrauenswürdig sind, wie steht es dann um kleinere und unbekanntere Tester? Gerade im Online-Bereich fragt sich der potenzielle Käufer, wem er vertrauen kann. Carsten Weddig, Presse- und Marketing-Vorstand der Internetagentur Weddig & Keutel, klärt auf, worauf bei Prüfsiegeln zu achten ist.

Allein in Deutschland ist der Markt an Siegeln, Zertifikaten und Testnoten für Webshops so undurchschaubar wie ein Dschungel. Neben den großen vier – TÜV s@fer shopping, Trusted Shops, BoniCert und Euro-Label EHI – besteht eine riesige Anzahl kleinerer Testanbieter; insgesamt gibt es allein in Deutschland knapp 500 verschiedene Siegel. Teilweise werden diese sogar von Unternehmen selbst ins Leben gerufen und sich selbst verliehen, um in einem guten Licht dazustehen. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine gesetzliche Regelung für Zertifikate und Gütesiegel gibt. Darum heißt es darauf zu achten, was und nach welchen Kriterien jeweils getestet wird – und was das Bauchgefühl und der Verstand dem Verbraucher sagen.

Transparenz als oberstes Gebot

Das Verleihen von Testsiegeln ist ein lukratives Geschäft. Die Anbieter lassen sich das Vertrauen, das die Siegel beim potenziellen Käufer suggerieren, teuer bezahlen. Inwiefern sie dieses Geld wert sind und sich das Vertrauen in sie lohnt ist meist nicht offensichtlich. Darum sollte man gerade bei Güteprädikaten, die man nicht kennt, einen Blick auf die Webseite des Verleihers werfen und in Erfahrung bringen, wie und was konkret getestet wurde. Bewertungskriterien wie beispielsweise „Internetauftritt“ oder „Kundenservice“ klingen ebenso einleuchtend wie nichtssagend. Wurden also lediglich formale Aspekte wie das Vorhandensein eines Impressums und Kontaktmöglichkeiten betrachtet oder wurde die Webseite wirklich hinsichtlich ihrer Benutzerfreundlichkeit und des Kundenservices aktiv getestet? Bei einem Test mehrerer Portale sollte man auch auf die Testnoten schauen. Einige Anbieter vergeben fast ausschließlich gute Noten, um ihr Siegel möglichst lukrativ an die jeweiligen Shop-Betreiber zu verkaufen – was mit Bestnoten selbstverständlich am einfachsten funktioniert – nicht selten kann man sich gute Noten sogar erkaufen.

Gute Namen schaffen Vertrauen – zu Recht?

Auch die großen, seriösen deutschen Medien wissen, dass ein Gütesiegel mit ihrem Logo für Shop-Betreiber sehr interessant ist, da diese dem potenziellen Käufer Vertrauen suggerieren. Doch nicht hinter jedem Siegel steckt wirklich eine professionelle Redaktion, die Web-Angebote auf Herz und Nieren überprüft. Hier lohnt es sich, einen Blick hinter das Siegel zu werfen. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass für die Medienhäuser Gütesiegel eine zusätzliche Einnahmequelle darstellen.

Auch das Label „Testsieger“, das von manchen Zeitschriften verliehen wird, sagt allein noch nicht viel aus. Nicht selten kommt es zum Beispiel vor, dass dieser als einziger getestet wurde und somit Sieger ohne Konkurrenz ist – über die Qualität sagt dies noch nicht viel aus.

Bekannte Siegel sind glaubhaft aber nicht zu 100 Prozent sicher

Die renommiertesten Siegel im Online-Bereich sind das TÜV-Siegel s@fer shopping, Trusted Shops, BoniCert und Euro Label EHI. Sie sind glaubwürdig und prüfen transparent und nachvollziehbar. Doch auch hier gibt es keine absolute Sicherheit. Das objektive Zertifikat des TÜV belegt laut eigener Aussage zwar, dass Kunden bei einem Shop ohne Bedenken einkaufen können – dies wird sogar vor Ort vom TÜV geprüft – doch; das Siegel wird für ein Jahr verliehen. Dies heißt aber nicht, dass Kunden nun für zwölf Monate sicher sind. Denn alle paar Monate wird die Software der Online-Händler upgedatet – eine erneute Kontrolle findet allerdings nicht statt. Wenn man an seinem Auto nach der Abnahme eine Veränderung vornimmt, muss diese vom TÜV neu abgenommen werden. Bei E-Shops ist dies nicht der Fall. Hinzu kommt, dass sich kleinere Unternehmen solche Siegel – die einige Hundert bis Tausend Euro kosten – erst gar nicht leisten können. Dies muss allerdings nicht heißen, dass sie die Anforderungen an ein solches nicht erfüllen.

Worauf sollte der Verbraucher achten?

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Generell sind die Siegel von s@fer shopping, Trusted Shops, BoniCert und EHI objektiv, seriös, anerkannt und sehr verlässlich. Bei allen anderen Zertifikaten sollte genau nachgeschaut werden, was und wie geprüft wurde. Werden die Kriterien nicht transparent und nachvollziehbar offengelegt, sollte man skeptisch sein, ob das jeweilige Siegel wirklich vertrauenswürdig ist. Auch sollten diese Kriterien und deren Gewichtung logisch, sinnvoll, objektiv und zweckmäßig sein. Liegt das Hauptaugenmerk bei der Bewertung auf weniger relevanten Aspekten wie der Webseitengestaltung oder einer Gewichtung von Nutzerführung zu Datenschutz im Maßstab 90 zu 10, sollte man diesen Siegeln nicht vertrauen. Mitunter lohnt sogar ein Blick ins Impressum des Testers – sind hier eventuell gleiche Kontaktdaten wie beim Testsieger? Manche Shops versuchen auch das blinde Vertrauen der Käufer in Siegel auszunutzen: Sie werben zum Beispiel mit sicheren Datenverbindungen, bei denen Konto- und Kreditkartennummern über sichere ssl-Verbindungen vom Rechner zum Server geschickt werden. Dies gehört allerdings längst zum Standard und ist kein Siegel wert.

„Beim Thema Gütesiegel im Internet ist der Verbraucher auf sich allein gestellt: Hunderte Varianten buhlen um sein Vertrauen, fehlende rechtliche Maßstäbe machen einen Durchblick unmöglich. Eine absolute Sicherheit beim Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung gibt es nicht. Grundsätzlich bleibt ihm also nichts anderes übrig, als eine genaue Recherche, um herauszufinden, wie seriös und verlässlich das jeweilige Siegel wirklich ist. Eine auf den ersten Blick aufwändige Arbeit, die sich aber am Ende lohnt. Sein Vertrauen sollte man schließlich nicht wahllos verschenken“, erklärt Carsten Weddig, Presse- und Marketing-Vorstand der Internetagentur Weddig & Keutel.

„Wir haben selbst bereits einige Prädikate erhalten und diese kritisch betrachtet. Beim seo-united-Siegel war zum Beispiel allein die Anzahl der Stimmen für die jeweilige Kategorie für die Vergabe ausschlaggebend. Bei einer solchen – durchaus legitimen – Siegelvergabe wäre es wichtig, darauf zu achten, dass Personen nur einmalig abstimmen können – inklusive Angabe von Namen und Anschrift. Auch sollte eine Branchen-Expertise für die Abstimmungsteilnahme Voraussetzung sein. Ein Check der IP-Adresse, der anonyme Proxys ausschließt, ist genauso sinnvoll wie Vorkehrungen, um automatisch generierte Votes zu verhindern“, so Weddig.

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